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145. Rütlischiessen, 7. November 2007
Rütli-Schützengemeinde, 15.00 Uhr
Ansprache von Kaspar Michel, Staatsarchivar des Kantons Schwyz
«Wir könnten viel, wenn wir zusammen-
stünden!»
(Landammann Stauffacher in Schillers Willhelm Tell, I,3)
Sehr geehrter Herr Präsident
Liebe Schützenkameraden
Liebe Gäste
Tage wie das heutige Rütlischiessen sind Höhepunkte im Jahreslauf
des Schweizer Schützen. Die Rütlischützen können stolz sein, Jahr
für Jahr einen so ereignisreichen, sportlich herausfordernden, kame-
radschaftlichen und unterhaltsamen Anlass auf die Beine zu stellen.
Schützen aus allen Teilen der Schweiz, aber auch die zahlreichen
Gäste und Besucher des heutigen Tages sind einmal mehr versichert,
dass das Rütlischiessen eine erstklassige Veranstaltung in unserem
Lande ist.
«Üb' Aug' und Hand fürs Vaterland!» – dieser sinnige Spruch stand
früher auf mancher Vereinsfahne und zierte viele Kranzkästen in den
Schützenstuben. Er ist heutzutage seltener geworden. Dabei vereint
er kurz und bündig zwei wichtige Komponenten: Den «Schützenbrauch»
und das «Vaterland», unsere Heimat, die Schweiz. Beide Begriffe ha-
ben sich – so scheint es mir – in den letzten Jahren leider entfrem-
det. Nicht selten sind in der Ausübung unseres Sports nicht die
längst bekannten Gegner und ewigen Nörgler die grössten Problem-
Macher. Viel mehr sind oftmals auch Behörden, offizielle Stellen und
nicht zuletzt unsere Gesetzeswut diejenigen, welche einem florieren-
den Schützenwesen Steine in den Weg legen: Standsanierungen werden
verhindert, Schützenstände geschlossen, ideelle und finanzielle Un-
terstützungen entzogen und umwelt- und lärmschutztechnische Vorgaben
gemacht, welche von den Vereinen unmöglich eingehalten werden kön-
nen. Unerfreulicherweise ist diese fatale Entwicklung schon seit ei-
nigen Jahren im Gange. Sie aufzuhalten, liegt einzig und alleine in
den Händen von uns Schützen. «Wir könnten viel, wenn wir zusammen-
stünden!» sagt der alte und weise Landammann Stauffacher in Schil-
lers Bühnenstück «Willhelm Tell» zu seinen Mitverschwörern. Aber ge-
rade wir Schützen haben diesbezüglich noch einen grossen Nachholbe-
darf. Einen Nachholbedarf im «Zusammenstehen» – einen Nachholbedarf
im Erzeugen eines gemeinsamen, starken Gegendruckes gegen Entwick-
lungen, die unserer Leidenschaft, dem Schützenbrauch und dem
Schiesssport, schaden. Nur dieser Gegendruck zwingt alle Beteiligten
und Involvierten zu brauchbaren und befriedigenden Lösungen. Und zu
guten Lösungen bieten die Schützen immer Hand!
Es liegt noch viel Arbeit vor uns. Wenn wir den fortwährenden struk-
turellen Abbau und die ewige Zurückbindung des Schützenwesens künf-
tig verhindern wollen, müssen wir uns mit demokratischen, aber un-
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Ansprache von Kaspar Michel, Staatsarchivar des Kantons Schwyz
missverständlichen und eindeutigen Mitteln wehren; – und zwar gegen
alle, die sich unserem Ansinnen – dem Weiterbestand des Schiess-
sports und der Jahrhunderte alten, eidgenössischen Schützenkultur –
entgegenstellen.
Man muss als Schütze und Bürger ja schon Fragezeichen machen: Be-
reits vor vier Jahren und nochmals vor drei Wochen hat der Souverän
ein betont bürgerliches Parlament gewählt. Man könnte eigentlich
meinen, dass in den Reihen dieser bürgerlichen Parlamentarier eidge-
nössische Traditionen, schweizerische Bräuche, nationaler Gemeinsinn
und somit auch eine positive Einstellung gegenüber dem Schützenwesen
vorhanden sein müssten. Das gleiche gilt für einen konsequenten,
starken Stellungsbezug für die wichtigen Anliegen unserer Schweizer
Armee, die ja schliesslich auch eng mit unseren Schützen-
Vorstellungen zusammenhängen. Aber man spürt da wenig. Im Gegenteil:
Wir sind seit Jahren in einer Phase des Abbaus und des Rückschritts.
Wir Schützen hängen ja nicht vorbehaltlos am Alten, wir sind offen
für Neues. Aber wir verlangen, dass das Neue besser ist. Bundesrat
Samuel Schmid, einem überzeugten Schützen, werden zum Beispiel Jahr
für Jahr für eine glaubwürdige Landesverteidigung dringend benötigte
Finanzen entzogen, um sie nicht etwa zu sparen, sondern in der Regel
einfach anderweitig einzusetzen. Und das erstaunlicherweise eben von
einem bürgerlichen Parlament, dessen bürgerliche Mitglieder – min-
destens vor den Wahlen – mit armee- und sicherheitspolitikfreundli-
chen Zusicherungen unsere Stimmen wollen. Vielleicht sollten gerade
wir Schützen verbindlichere Versprechungen einholen, bevor wir unse-
re Unterstützung zusagen. Eben: «Wir könnten viel, wenn wir zusam-
menstünden!».
Ein selbstbewusstes und eigenverantwortliches Auftreten und Handeln
von uns Schützen wird in Zukunft nötig sein. Anlässe wie das heutige
Rütlischiessen oder auch die kantonalen und eidgenössischen Schüt-
zenfeste beweisen eindrücklich, dass wir eine sehr grosse und bedeu-
tende Kraft sind – durchaus auch im staatsbürgerlichen Sinn: Wir
Schützen akzeptieren seit je her die föderalen Strukturen unseres
Landes. Wir anerkennen vorbehaltlos die demokratischen Einrichtungen
und Abläufe in unserem Staat. Wir pflegen die freundeidgenössischen
Bräuche und traditionellen Eigenheiten wie fast kein zweiter Verband
in unserer Heimat. Wir respektieren unerschütterliche Grundsätze wie
die persönliche Freiheit, den Schutz der Privatsphäre, die Rechts-
gleichheit, die Versammlungsfreiheit, die Eigentumsgarantie, die
Handels- und Gewerbefreiheit und viele andere – für uns unverzicht-
bare – Grundwerte. Schliesslich stehen gerade das Rütli und seine
bemerkenswerte Geschichte sinnbildlich für den mühevollen Kampf und
das Verlangen aller Schweizerinnen und Schweizer nach diesen heute
in der Verfassung verankerten Prinzipien. Es ist deshalb kein Zu-
fall, dass wir Schützen uns für einen der grossartigsten traditio-
nellen Sportanlässe unseres Landes an einem so symbolhaften Ort
treffen. Der Esprit des Rütlis beseelt schon seit alter Zeit auch
den Geist von uns Schweizer Schützen.
Umso schmerzlicher müssen wir Rütlischützen zur Kenntnis nehmen,
dass diese national bedeutende Wiese immer mehr zum leidgeprüften
Spielball von politischen Verrenkungen wird. Wenn noch vor wenigen
Jahren das Volk die Rütliwiese mit schweizerischer Eintracht, natio-
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Ansprache von Kaspar Michel, Staatsarchivar des Kantons Schwyz
naler Würde und eidgenössischer Gründungsgeschichte verbunden hat,
so denkt man heute zuerst an entehrende parteipolitische Besetzungs-
kämpfe, an hirnlose Glatzköpfe und linke Chaoten sowie abschätzige
Kommentare über glücklicherweise hier noch anzutreffende Kuhfladen.
Uns Schützen ist solches fremd. Wir wissen den Wert des Rütlis und
seiner nach wie vor gültigen und kraftvollen Aussagen zu würdigen.
Wir haben auch keine Scham, uns als begeisterte «Rütlifahrer», als
«Patrioten» zu bezeichnen. Aufrichtige, massvolle und verfassungs-
treue Vaterlandsliebe, ohne fremde Nationen abzuwerten, ohne sich
nationalistisch und chauvinistisch aufzuführen, lernt man bei uns
Schützen!
Übrigens: Wenn es zutreffend wäre, was der grosse Glarner Staatsmann
und Historiker Aegidius Tschudi in seiner Helvetischen Chronik in
der Mitte des 16. Jahrhunderts geschrieben hat, könnten wir genau
heute den 700. Jahrestag des Rütlischwures feiern. Tschudi datierte
nämlich – aus was für Gründen auch immer – den Bundesschwur zwischen
den Urkantonen auf dem Rütli auf den Mittwoch vor Martini im Jahre
1307. Erst mit der Wiederentdeckung und der Bedeutungszumessung des
Bundesbriefes wurde das von Tschudi festgelegte Datum durch das heu-
te gängige Gründungsjahr 1291 abgelöst. Dokumenten glaubt man in un-
serem Land glücklicherweise eher als den Historikern. Diese be-
schreiben sowieso nur immer den aktuellsten Stand des allgemeinen
Irrtums. Noch vor 150, 120 Jahren war aber 1307 bei Land und Volk
als das Gründungsjahr verhaftet. Wer das nicht glaubt, kann die Jah-
reszahl am Altdorfer Telldenkmal – 1307 – ablesen. Der Gelehrten-
und Politikerstreit, der sich vor 100 Jahren über das Gründungsdatum
der Eidgenossenschaft entfacht hat, kann uns wirklich egal sein. Wir
feiern heute halt nochmals 700 Jahre Eidgenossenschaft – nur wir
Schützen, schön für uns alleine, in Einmütigkeit und Freundschaft.
Doppelt hält besser. Und unsere zeitgenössischen Herausforderungen
vor Augen erinnern wir uns nochmals an den wegweisenden Ausspruch
des Stauffachers: «Wir könnten viel, wenn wir zusammenstünden!»
Ich wünsche uns Schützen «Guet Schuss!», Glück, Gesundheit und echte
Kameradschaft. Es lebe das Rütlischiessen!
Besten Dank.
* * *
km/01.11.07
Kaspar Michel
Jg. 1970
Lachen/Schwyz
Staatsarchivar des Kantons Schwyz
Oberst, Chef Kant Ter Vrb Stab SZ (Ter Reg 3)
Mitglied der Schützengesellschaft Lachen SZ
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